Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2020 gab es bei der HAEMATO AG wichtige neue Weichenstellungen. Seit Anfang Juli 2020 ist die M1 Kliniken AG der neue Großaktionär der HAEMATO AG. Durch die Eingliederung der HAEMATO AG in die auf Schönheitsbehandlungen spezialisierten M1 Kliniken AG soll künftig auch der Bereich ästhetische Behandlungen adressiert werden. Die begonnene Neustrukturierung
wurde im Dezember mit der Einbringung der M1 Aesthetics GmbH in die HAEMATO AG fortgesetzt. Seit Ende November 2020 ist Patrick Brenske CEO der HAEMATO AG. GBC-Analyst Cosmin Filker hat mit Patrick Brenske über die jüngste Entwicklung der HAEMATO AG gesprochen.

GBC AG: Herr Brenske, im vergangenen Jahr hat die HAEMATO AG über die Eingliederung in den M1-Konzern und durch die Einbringung der M1 Aesthetics die Geschäftsaktivitäten erweitert. Können Sie die neue Strategie der HAEMATO erläutern?

Patrick Brenske: Die Strategie der HAEMATO hat drei Komponenten. Zunächst gehört hierzu unser Stammgeschäft im Bereich der Specialty Pharma. Darüber hinaus ist dies die zukünftige Ausrichtung auf den Einkauf von Produkten für Schönheitsbehandlungen. Hier ist die HAEMATO aufgrund der Erfahrung im Einkauf von pharmazeutischen Produkten in ganz Europa sehr gut aufgestellt. Zudem sind die Margen für den Handel deutlich höher als im Stammgeschäft. Die dritte Komponente ist schließlich die Entwicklung eigener Produkte für Schönheitsbehandlungen. Auch hier ist die HAEMATO mit der Zertifizierung nach DIN 13485 in einer sehr guten Position.

GBC AG: Sie erwähnten den Begriff Specialty Pharma. Was ist genau darunter zu verstehen und wie groß ist der Markt hierfür?

Patrick Brenske: Bei Specialty Pharma – im engeren Sinne – handelt es sich um Medikamente für eine patientenindividuelle Behandlung von chronischen Krankheiten. Diese personalisierten Medikamente, die unter der Berücksichtigung wichtiger Parameter – z.B. patientenindividuelle Blutwerte – zubereitet werden, kommen vor allem bei der Behandlung chronischer und genetisch bedingter Krankheiten wie Krebs oder Rheuma und bei neurologischen Erkrankungen vermehrt zum Einsatz. Die aufwendige Forschung und
Entwicklung hat zur Folge, dass die Preise höher sind als bei gewöhnlichen Arzneimitteln. Dieser Trend zur personalisierten Medikation verspricht deutlich bessere Behandlungsergebnisse und ist damit einer der Megatrends in der medizinischen Therapie. Der Markt wächst entsprechend mit durchschnittlich 10 % pro Jahr. Das Marktvolumen beträgt bereits heute ca. 10 Mrd € p.a..

GBC AG: Wie sieht Ihre Expansionsstrategie aus? Welche Regionen und Produkte stehen im Fokus?

Patrick Brenske: Im Stammgeschäft können wir im Bereich der Specialty Pharma mit unserem Produktmix wieder an die historischen Wachstumsraten anknüpfen. Dabei helfen uns unsere Ausrichtung auf chronische Erkrankungen und unser Direktvertrieb an Schwerpunktapotheken in Deutschland und Österreich. Zur Erschließung eines weiteren Wachstumsmarkts ist die HAEMATO kürzlich in den BtM-Handel eingestiegen. Medizinische Cannabisprodukte werden zur Behandlung von Krankheiten wie Krebs, Epilepsie und chronischen Schmerzen eingesetzt. Diese Produkte sind bereits in über 40 Ländern zugelassen. Das weltweite Marktvolumen für medizinisches Cannabis belief sich 2018 auf 13,4 Milliarden Dollar. Experten rechnen damit, dass sich das Marktvolumen bis 2026 auf 148 Milliarden Dollar vergrößert. Der Markt für medizinisches Cannabis in Deutschland ist auch im Pandemiejahr 2020 um ca.
20% gewachsen. Der Umgang mit Betäubungsmitteln nach § 3 BtMG, zählt zu den anspruchsvollsten
Dienstleistungen der Pharmalogistik. Die HAEMATO hat bereits die behördliche Zulassung für ihr neues BtM-Lager erhalten und dieses in Betrieb genommen. Der Markt für Schönheitsbehandlungen respektive dessen Produktgeschäft wächst ebenfalls mit 10% p.a. Dazu kommt die nationale und internationale Expansionsstrategie der M1, die das Produktgeschäft der HAEMATO deutlich schneller als der Markt wachsen lassen wird.

GBC AG: Bei der bisherigen M1-Tochter M1 Aesthetics stand auch der Bereich „Eigenmarken“ im Fokus. Sollen die Eigenmarken weiter forciert werden?

Patrick Brenske: Marktstudien zeigen, dass sich mit preislich attraktiven eigenen Produkten die Absatzmärkte bis zu einem Faktor 5 vergrößern können. Als Hersteller sind zudem die Margen deutlich größer als im reinen Handelsgeschäft, da die Wertschöpfungskette vertieft wird. Zwischen dem reinen Handelsgeschäft und der Herstellung bieten sich auch kurzfristig realisierbare Kooperationen mit renommierten Herstellern an.

GBC AG: Mit der Eingliederung der M1 Aesthetics dürfte sich das Umsatz- und Ergebnisbild der HAEMATO AG erheblich verändern. Für 2020 wird für die M1 Aesthetics mit Umsätzen in Höhe von 30 Mio. € und einem EBIT von ca. 4 Mio. € gerechnet. Ist mit einer hohen Dynamik nach Corona zu rechnen?

Patrick Brenske: Ja, wir rechnen mit zusätzlichen Impulsen für die Zeit nach Corona. Es wurden viele Behandlungen verschoben, die dann nachgeholt werden müssen. Diesen Effekt erwarten wir auch für die Schönheitsbehandlungen. Da wir nicht wissen, wann die Pandemie überwunden sein wird, ist es schwierig, quantitative Prognosen abzugeben. Durch die weitere Expansion der M1-Gruppe im Bereich der minimalinvasiven Unterspritzungsbehandlungen erwarten wir aber erhebliche Wachstumsimpulse für die M1 Aesthetics, was wiederum der HAEMATO zugutekommen wird.

GBC AG: Stand-Alone hatte die HAEMATO bereits sehr überzeugende 9- Monatszahlen präsentiert. Trotz Corona lag das Umsatzwachstum bei fast 25 % und das EBITDA wurde auf 3,1 Mio. € (VJ: 1,5 Mio. €) verdoppelt. Was waren die Gründe hierfür?

Patrick Brenske: Das für uns schwierige Jahr 2019 war durch eine Reihe externer Einflüsse geprägt, die auch den ganzen Markt betrafen. Schon im letzten Quartal 2019 begann der jetzt zu beobachtende Aufwärtstrend. Wir hatten bis dahin unsere Mannschaft verstärkt, intensiv an den Prozessen zur Optimierung und Digitalisierung der Abläufe gearbeitet und unsere Effektivität und Effizienz erhöht. Wir haben damit die Grundlage für weiteres profitables Wachstum geschaffen.

GBC AG: Welche Auswirkungen hat der Corona-bedingte Shut-Down auf Ihr Geschäft?

Patrick Brenske: Als systemrelevantes Unternehmen der pharmazeutischen Versorgung haben sich die Produktbereiche unterschiedlich positiv oder negativ entwickelt. Insgesamt war der Markt stabil. Herausfordernd war die Organisation der betrieblichen Abläufe. Wir haben zunächst zusätzliche Hygiene-Standards eingeführt und dann ein komplett separiertes 2-Schichtsystem etabliert, um eine räumliche Entzerrung und die notwendigen Abstandsregeln zu gewährleisten. Darüber hinaus haben wir das Angebot an „home office“ für unsere Mitarbeiter erweitert. Ich danke unseren Mitarbeitern, diese
„Extrameile“ über einen langen Zeitraum mitgegangen zu sein.

GBC AG: Herr Brenske, Sie beschreiben ein rundweg positives Bild von der operativen Entwicklung der HAEMATO AG. Was heißt dieses für den Kapitalmarkt?

Patrick Brenske: Nachdem wir in den letzten knapp zwei Jahren eine schwierige Zeit im Kapitalmarkt durchlebt haben, gehen wir davon aus, dass die operativen Verbesserungen bald auch ihren Niederschlag bei der Entwicklung des Börsenkurses unserer Aktie haben werden. Zudem planen wir, unsere Aktionäre entlang der Steigerung des operativen Ergebnisses auch wieder mit einer Dividende zu belohnen.

GBC AG: Herr Brenske, ich danke Ihnen für das Gespräch.